Kunstfahrt der 12. Klasse nach Italien

Kunstfahrt der 12. Klasse nach Italien

 

Die Kunstfahrt der 12. Klasse nach Italien vom 20.05. bis 02.06.2018

Kunstfahrten der 12. Klassen haben an Waldorfschulen lange Traditionen. An der IWS ist diese Reise Bestandteil des Lehrplanes. Vorbereitet wurde die Fahrt mit einer Unterrichtsepoche im Fach Kunstgeschichte. Es galt, die Entwicklung unseres Kulturkreises seit der römische Antike über die Geburt des modernen Denkens während der Renaissance und möglichst darüber hinaus zu erleben, diese zu begreifen und zu verinnerlichen. Natürlich ist damit auch die Hoffnung verbunden, dass jeder Mitreisende nicht allein die kunsthistorische Entwicklung nachvollzieht, sondern auch im übertragenen Sinne etwas über seine individuelle persönliche Entwicklung erfahren darf.

 

Nach den schriftlichen Abschlussprüfungen tauchte die 12. Klasse also zusammen mit ihren drei Begleitern in die kulturellen, künstlerischen und klimatischen Eigenheiten des fremden Landes Italien ein. So verbrachten die Schüler noch einmal eine intensive Zeit miteinander. Von wirklich beglückenden und beeindruckenden Erlebnissen war bei vielen Gesprächen auch noch nach unserer Rückkehr die Rede. Zugleich erfuhren einige Mitreisende aber auch merkliche körperliche wie seelische Herausforderungen, etwa bei Besichtigungstouren ohne die gewohnte Nikotinzufuhr, im lebhaften Stadtverkehr in ungewohntem Klima und im ganztägigen sozialen Miteinander in der Gruppe.

Da viele historische Stätten und Museen besucht wurden, bereiteten die Schüler zu vorher besprochenen Plätzen Referate vor. Das erleichterte vor Ort unser gemeinsames Eintauchen in die jeweilige kulturgeschichtlichen Zusammenhänge. Zudem waren die Schüler während der Fahrt selbst künstlerisch tätig, vor allem indem sie zeichneten und Reisetagebücher führten.

Am Pfingstsonntag 2018 reiste also unsere 12köpfige Gruppe in zwei gemieteten Bussen bis Basel. Ein erster Abstecher führte am nächsten Morgen ins nahe Dornach. Das dortige Goetheanum sollte jeder Waldorfschüler einmal gesehen haben, darüber waren sich Schüler und Lehrer schnell einig. Vor dem riesigen Betonbau entwickelten sich spannende Gespräche. Ob man heute das Goetheanum noch einmal aus Gussbeton konstruieren würde oder vielleicht doch aus den moderneren Werkstoffen Glas oder Glasfaser wurde gefragt. Über die Wirkung des gewaltigen Bauwerkes und des ganzen Gebäudeensembles gingen jedenfalls die Meinungen auseinander. Von den Bildinhalten des Roten Fensters und ihrer Wirkung war noch lange die Rede. Veit fasste sie in seinem Referat eindrücklich zusammen.

 

Weiter führte die Reise quer durch die Alpen. In den Alpen wurden vereinzelte Erinnerungen an lange vergessene Geographie – Epochen wach. Woran waren noch einmal Kalk- und Granitgebirge zu unterscheiden? Wie hatten Gletscher die Landschaft überformt und Schmelzwasser Seen gebildet?

In den folgenden Tagen standen in Florenz beispielsweise der Besuch der Domkuppel, des Baptisteriums mit seinen spannenden Bronzetüren und Mosaiken, der Accademia mit Michelangelos David – Statue, der Medici – Kapelle, der Basilika S. Croce oder der Uffizien auf dem Programm. Florenz war die Geburtsstätte der Renaissance. Für die Einen wurde das Bezwingen der 463 Treppenstufen zur Domkuppel auf unebenen renaissancezeitlichen Treppenstufen zu einem unvergesslichen Erlebnis. Für Herrn Peek war es ein erhabenes Gefühl, in den Uffizien mit Genehmigung direkt vor den Meisterwerken von Botticelli, Leonardo oder Dürer sprechen zu dürfen. Das spürten offensichtlich auch die Zuhörer. Schnell sprang auch Carolas Begeisterung für Michelangelos Kolossalstatuen über. Folglich wurden Pausen im Schatten zum Zeichnen, wahlweise auch zum Musikhören genutzt. Waren es die ungewohnten sinnlichen und körperlichen Mühen, die einigen das Aufstehen am Morgen und die Konzentration am Tage erschwerten?

 

 

Orvieto liegt oberhalb einer 60m hohen senkrechten Felswand, die den Bau von Stadtmauern fast unnötig machte. In die Felswand hatten Etrusker Grabkammern gehauen. Mit Mut und Glück fanden wir mit den Bussen Platz in der Tiefgarage, kurz unterhalb des Plateaus. Im Hochmittelalter war Orvieto Fluchtstätte der Päpste. Hier hatte Papst Innozenz 1216 seinen berühmten Aufruf zum 5. Kreuzzug gepredigt. Die Kathedrale mit ihrer gotischen Fassade und den Alabasterfenstern im romanischen Kircheninneren wirkte irgendwie fremd und war uns aus Florenz dennoch merkwürdig vertraut. Alle bewunderten respektvoll Signorellis Fresken des Jüngsten Gerichtes. Nach einem Bummel durch die engen mittelalterlichen Gassen mit Schnitzhandwerkern und den bekannten Fayence-Auslagen, nach einem Espresso, einem Cafe Americano, wahlweise auch einem Eis ging es weiter nach Rom. Aber noch im Bus war oft zu hören: „Diese Felsenstadt hat es uns angetan!“

Für nur drei Tage führte unser Weg in die antike und moderne Metropole Rom. Geruhsam schlief jeder in einem Bungalow auf dem Campingplatz. Die frischen Brötchen zum Frühstück stammten aus dem nahen Supermarkt. Allmählich wurden erste Sprachbarrieren überwunden. Auf dem Besichtigungsprogramm der nächsten Tage standen der gewaltige Petersdom, über den Marie berichtete, die Engelsburg, das Pantheon, das Forum Romanum, die Kaiserforen, das Kolosseum, der Trevi – Brunnen und vieles, vieles mehr. Hervorragend oder schlechter vorbereitete Referate wurden vorgetragen. Chantal versuchte es im Touristengewusel vor dem Pantheon. Die Rolle der Frauen in der römischen Antike reizte vor dem Vestalinnen – Tempel zu einer vor allem von Teilnehmerinnen unserer Fahrt geführten Diskussion. Das Gefühl, tief unter der Erde in den Domitilla Katakomben in merkwürdiger Stille an falscher Stelle abgebogen zu sein, bleibt den Beteiligten sicherlich unvergesslich. Laut einer Legende standen wir in der gewaltigen spätantiken Basilika St. Maria degli Angeli vor der Geburtskrippe des Jesuskindes, was mehrere Mitreisende tief beeindruckte. Warum nur musste eine respektvolle Kleiderordnung vor jedem Kirchenbesuch erneut diskutiert werden? Während Christopher stets die ägyptischen Obelisken und ihre markanten Hieroglyphen beschäftigten, wurde Paul vor Michelangelos Mose ungewohnt mitteilsam. Er fasste viele Details spannend zusammen. Dennis referierte sehr eindrucksvoll zur antiken Erscheinung der Traian – Säule. Felix und Hendrik hatten sich vor allem künstlerisch mit Triumphbögen und antiken Grabmonumenten auseinander gesetzt.

 

 

Die Zeit verflog viel zu schnell, auch wurden Erschöpfungszustände immer deutlicher bemerkbar. Trotz aller Sprachbarrieren wurde unter mehreren Aspekten deutlich, wie nah und vertraut uns die gesellschaftlichen Probleme und Lebensverhältnisse eines anderen Landes in einer zunehmend globalisierten Welt sind. So zog es die Einen ins Hard Rock Cafe, während andere in Kaiser Traians Forum noch staunend überlegten, zu welchem Körperteil einzelne marmornen Bruchstücke von der riesigen Statue des Augustus wohl einst gehört hatten. Es wurde jedenfalls Zeit für einen weiteren Ruhetag, den die Schüler größtenteils in den Bussen verschliefen. Deren Begleiter übten sich währenddessen wie bisher als Chauffeure.

Nun sollte es ans Meer gehen. Auf der Landzunge, die die Lagune von Venedig schützt, bot uns ein Bio – Bauernhof Unterkunft. Am nahen Strand fiel die Entspannung angenehm leicht und die berühmte Lagunenstadt war mit dem Vaporetto bequem zu erreichen. Während die Einen dort das lebhafte touristische Treiben an den Kanälen genossen, machten sich andere auf zu den Glasbläsern der Insel Murano. Mit Staunen erlebten sie, wie farbige Glasstäbe geschmolzen, verschmolzen und schließlich zu schönen Tierchen gezwackt wurden. Vor dem Glasofen wurde es noch einmal merklich wärmer als in der ohnehin schon heißen Lagunenstadt, das sah man auch dem Glasbläser an. Beim abendlichen Pizza – Essen mit der ganzen Gruppe am malerischen Canale fand die Kunstfahrt ihren vorläufigen Abschluss.

Diese Reise während der letzten Tage ihrer Schulzeit wurde für alle Schüler zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Begleiter erinnern sich daneben auch dankbar daran, dass sie jeden einzelnen Teilnehmer unter ungewohnten Belastungen kennenlernen durften. Vermutlich sind solche bereichernden Anstrengungen aber auch für die Schüler die beste Weise, eigene Willenskräfte zu üben und sich in gegenseitiger Toleranz sowie in der Neugier auf Unbekanntes zu schulen. Diese Fähigkeiten gehören zu den höchsten Tugenden, welche an Waldorfschulen vermittelt werden. Im Eingang der Domitilla Katakombe ist auf einem antiken Fresco zu sehen, dass jedes menschliche Leben an einem (seidenen) Faden hängt. Daneben steht in griechischen Buchstaben Γνθι σεαυτόν, „Erkenne dich selbst!“ Jeder Teilnehmer der Kunstreise durfte über sich selbst vieles lernen, auch wenn es dazu manchmal etwas Mutes bedurfte. Das scheint einer der größten Lernerfolge zu sein.

Th. Peek, M. Schlüter