Monatsfeiern

Seit wann, warum und auf welche Weise eigentlich Monatsfeiern?

In den Wirren am Ende des ersten Weltkrieges und kurz danach kämpften in Deutschland viele Menschen dafür, endlich Schluss zu machen mit veralteten sozialen Verkrustungen. Jetzt schien der Zeitpunkt gekommen, um Utopien zu verwirklichen. Die alten Gesellschaftsformen hatten ja in die Katastrophe des Weltkrieges geführt und waren vielerorts zu erleben durch den Anblick hungernder Menschen, Kriegsinvaliden oder bewaffneter Auseinandersetzungen auf offener Straße. Als Folge des Hungers grassierte 1919 inzwischen im dritten Folgejahr die tödliche Epidemie „Spanische Grippe“.

Erst vor diesem Hintergrund wird ein Passus aus dem 1919 erlassenen Schulgesetz im „Freien Volksstaat Württemberg“ für heutige Generationen verständlicher.

Dort wurde beschlossen, dass neben den regulären Ferien in jedem Monat ein Werktag unterrichtsfrei sein solle, „zum Wohle der Schüler“(!). Scheinbar wählten die meisten staatlichen Schulen dafür den ersten Montag im Monat.

Im September desselben Jahres 1919 verwirklichte sich auf der Stuttgarter Uhlandshöhe eine Utopie, die trotz Unterbrechungen und manchem Wandel inzwischen weltweit Realität wurde: Die erste Waldorfschule wurde gegründet.

Das Lehrerkollegium sah sich aber schon bald mit dem in Baden Württemberg „landesweit üblichen“ unterrichtsfreien Montag konfrontiert. Fast alle Schüler entstammten der Arbeiterschaft der ‚Waldorf–Astoria–Zigarettenfabrik‘, in der natürlich auch montags gearbeitet wurde. Aus den Protokollen der ersten Lehrerkonferenzen auf der Uhlandshöhe geht nicht hervor, ob es vielleicht die Freude der Schüler am lebendigen Lernen und ihr Stolz darauf war, die die Schulgemeinschaft dazu bewog, an diesen Montagen „Monatsfeiern“ aufzuführen. Möglicherweise drängten auch Lehrer darauf oder Eltern, die ihre Kinder in guter Betreuung wissen wollten. Jedenfalls fanden an den beiden Montagen 3.11. und 1.12.1919 die allerersten Monatsfeiern statt, wenn sie damals auch noch „Schulfeste“ hießen.

Laut den veröffentlichten Protokollen verwendete Rudolf Steiner erstmals in der Lehrerkonferenz vom 22.12.1919 den Begriff „Monatsfeier“. Zugleich riet er, auf Monatsfeiern etwas jahreszeitgemäßes, etwas „wie ein Gedankensammeln über den Monat…“ vorzustellen. Mit guten Gründen hielt er Donnerstage, die ‚Jupitertage‘, besonders geeignet für solche Aufführungen. Damit begründete er eine bis heute währende Tradition. Neue Waldorfschulen gründeten sich und organisierten bald ebenfalls nach dem Stuttgarter Vorbild Monatsfeiern. Aber nicht überall konnte der monatliche Rhythmus eingehalten werden. Heute werden üblicherweise noch drei bis vier Monatsfeiern jährlich veranstaltet, so wie früher die öffentlichen Monatsfeiern.Obwohl man deshalb besser von Vierteljahresfeiernspräche, wird sowohl aus Traditionsbewusstsein, als auch aus dem bekannten Begriffsverständnis heraus weiter an der alten Bezeichnung festgehalten.

Bis März 1924 eröffnete Rudolf Steiner fünfmal Monatsfeiern in Stuttgart. Zuerst lautete die Ansprache: „Meine lieben Kinder…“, später wurden daneben auch „…liebe Schüler und Schülerinnen“ angesprochen und schließlich „meine lieben Kinder, verehrte Lehrer und Lehrerinnen und verehrte Eltern, soweit sie anwesend sind!…“ begrüßt. Die Schule beheimateteschließlich 12 Jahrgänge und spätestens seit den 1920er Jahren waren also auch Eltern zu den Monatsfeiern eingeladen. Teils aus Mangel an einem geeigneten Raum für die gesamte Schulgemeinschaft, teils aus Rücksicht auf die berufstätige Elternschaft sahen sich später viele Schulen genötigt, jede Monatsfeiern zweimal aufzuführen. Fast immer Donnerstags kommen dann alle Klassen und Mitarbeiter/innen zur „internen Monatsfeier“ zusammen, während für die „öffentliche Monatsfeier“, die meistens samstags stattfinden, auch Eltern, Verwandte, Freunde und alle Interessierten eingeladen werden. Aber selbst nach dieser über 90 jähriger Tradition und trotz vieler Änderungen und Anpassungen erleben Schüler, Eltern und Lehrer regelmäßig, dass es gerade die Monatsfeiern sind, in denen sich eine lebendige Schulgemeinschaft darstellt, wiederfindet und erneuert.

Wer in alten Festschriften und Chroniken der Waldorfschulen blättert, entdeckt faszinierende Fotografien. Auf Monatsfeiern wurden seit nun über 90 Jahren auch kostümierte Inszenierungen vorgeführt. Gruppen- oder klassenweise stellten sich die festlich gekleideten Schüler auf und trugen mit eindeutiger Mimik sprachgewaltig Gedichte, Balladen oder auch Epochenhefttexte vor. Selten fehlten eurythmische Darbietungen, manchmal wurde das Programm ergänzt durch Puppenspiele, Akrobatik oder besondere künstlerische Fertigkeiten. Die Klassen- oder Schulorchester, Chöre und Solisten sollten natürlich stets zu hören sein.

Ziel vieler Vorführungen ist es, den im Klassenraum oder Fachunterricht durchgenommenen Stoff künstlerisch (um)gestaltet noch einmal auf der Bühne zu bearbeiten. So gerät manches für die Klasse viel nachhaltiger in Erinnerung. Anderes wird zusätzlich für Monatsfeiern einstudiert und bereichert dadurch das Unterrichtsangebot. Außenstehenden bieten sich so hervorragende Einblicke in das gesamte Unterrichtsgeschehen.

Jeder Mitwirkende empfindet das Interesse der Schulgemeinschaft an seinen Leistungen und an seiner Entwicklung. Die Vorbereitung auf eine Monatsfeier führt daher oft zu einem Motivationsschub und bewirkt noch einmal eine besonders intensive Arbeitsstimmung.Geübt wird in jedem Fall deutliches, gewähltes Sprechen und Musizieren vor der großen Zuhörermenge. Das Selbstbewusstsein jahrelanger Bühnenerfahrung fällt bei Waldorfschülern spätestens bei den großen Theaterinszenierungen (normalerweise in der 8. oder 12. Klasse) auf. Zugleich dient diese Bühnenerfahrung als hervorragende Vorbereitung auf die spätere Berufswelt, in der mit SelbstbewusstseinVorstellungsgespräche zu meistern sind, in der regelmäßig Vorträge, freie Kundengespräche und eine überzeugende persönliche Ausstrahlung verlangt werden. Auch dank der Eurythmie erlangen Waldorfschüler schließlich eine Freiheit der Bewegung im Raum, wie sie sonst seltener bei Gleichaltrigen zu finden ist. Als Beleuchter oder in der Maske sammeln Oberstufenschüler daneben wertvolle praktische Erfahrungen, aus denen sich immer wieder konkrete Berufswünsche ergeben.

Vielen Eltern und Lehrern bieten Monatsfeiern zugleich aber auch sehr gute Gelegenheiten, den Schülern adäquate Kleiderordnungen näher zu bringen.

An den meisten Schulen entstanden inzwischen auch in Bezug auf die vorzutragenden Stoffe Traditionen, die jedoch von Schule zu Schule sehr variieren. Gerade diese Traditionen wecken bei höheren Klassen wieder Erinnerungen an lange vergessene Epochen der vergangenen Jahre. Es ist ergreifend zu beobachten, wenn ein längst absolvierter Unterrichtsstoff älteren Schülern durch die bühnenreife Inszenierung einer jüngeren Klasse wieder ins Gedächtnis gerufen wird. Durch die Erinnerung an die damaligen eigenen Bemühungen und zugleich die Auseinandersetzung mit der nun andersartigen Vortragsweise desselben Themas, die diesmal aus dem Publikum wahrgenommen wird, gelingt es regelmäßig, den dargebotenen Stoff noch einmal neu zu erleben und im Idealfall ganz neu für sich zu ergreifen. Das ist natürlich stark abhängig von der individuellen Reife. Sollte etwa ein Achtklässler in schon fast mitleidiger Toleranz auf die Märcheninszenierung einer frühen Unterstufenklasse blicken, kann es ihm hervorragend in der 11. oder 12. Klasse gelingen, engagiert und aus eigenem Willen denselben Märchenstoff in beeindruckende Eurythmie umzusetzen. Die Jüngeren empfinden vor guten Leistungen höherer Klassen immer großen Respekt. Dabei spielt natürlich auch die Hoffnung, teils auch Ungeduld eine Rolle, möglichst bald die soeben erlebten Künste mindestens ebenso gut zu beherrschen.

Während sich also die älteren Klassen stets sehr vorbildlich gegenüber jüngeren Mitschülern verhalten (sollten), übernehmen gerade die untersten Klassen eine andere soziale Aufgabe. Viel deutlicher als andere spüren sie, ob ein Gedicht oder Lied wirklich seelisch durchdrungen, somit überzeugend vorgetragen wird. Ist das der Fall, zählen besonders Erst- und Zweitklässler zu den aufmerksamsten und begeistertsten Zuhörern, deren weit aufgerissenen Augen nichts entgeht. Andernfalls wird durch zappeliges, unkonzentriertes Verhalten gnadenlose aber ganz ehrliche Kritik geübt.

Das Ringen der ganzen Schulgemeinschaft um zumindest einvernehmliches Miteinander, aber auch manche notwendige Übung von persönlicher Rücksichtnahme entgehen keinem aufmerksamen Beobachter bei Monatsfeiern. Gelegentlich kam es bereits bei der Vorbereitung zu Meinungsverschiedenheiten im Kollegium über die Längen und Art der jeweiligen Beiträge und auch über den betriebenen Aufwand. Spätestens am Aufführungstag sollte aber das Bühnenprogramm feststehen. Fehlen jetzt einzelne Schüler, etwa mit der Begründung, sie hätten andere Verpflichtungen oder aus Krankheitsgründen, dann muss zuweilen eine ganze Klasse aus dieser Not heraus improvisieren und manchmal sogar ihren Bühnenauftritt kürzen oder absagen. Im Regelfall tritt aber jede Klasse auf. Alle Darsteller vertrauen dabei auf ihr interessiertes Publikum, das aufmerksam, neugierig und wohlwollend jede Darbietung verfolgt. Eine erfahrene Waldorfklasse wendet sich auf der Bühne in höchster Konzentration zu ihrem Lehrer und wird sich weder durch die Klingeltöne eines (natürlich ausgeschalteten!) Handys, noch durch das Geschrei eines Kleinkindes im Publikum beirren lassen. Auch wenn vielleicht schon Kaffeedüfte von den Fluren in den Saal strömen, lässt sich davon die Elternschaft nicht ablenken, sondern unterstützt engagiert und nach bestem Können beim gemeinsamen Abschlusssingen den Schulchor. Natürlich werden auch die Bühnenakteure nicht durch Fotografieren oder Filmen aus dem Konzept gebracht.

Erst beim wohlverdienten Kaffee und Kuchen zum Abschluss bespricht man rege in kleinen Grüppchen mit anderen Eltern, mit Lehrern und Schülern, wie gelungen diese Monatsfeier wieder einmal war. Denn die Fähigkeit, anderen durch schönes Tun Freude zu bereiten, gehört zu den besten Tugenden, die an Waldorfschulen geübt wird.