Klassenspiele

Enorme Gesamtkunstwerke

Achtklassspiel: „Das fliegende Klassenzimmer“ ( Juni 2015)

Zu den besonderen Höhepunkten des Lehrplanes zählen die Klassenspiele in der 8. und die Abschlussspiele in der 11. oder in der 12. Klasse. Das war allerdings nicht immer so. An die heute übliche Aufführung abendfüllender Theaterstücke wurde in den Gründungsjahren der Waldorfschulbewegung nicht gedacht. Wird mit den großen Theaterinszenierungen also Jahr für Jahr etwas pädagogisch Überflüssiges unternommen? Sollten solche umfangreichen Vorhaben, die sich zudem als sehr zeitintensiv und als extrem belastend für alle Beteiligten herausstellen, nicht besser auf ein „Mittelmaß“ gekürzt werden?

Eine erste Durchsicht von Schulchroniken entlarvt bald diesen Rückschluss als vorschnell. Neben Berichten über beeindruckende Inszenierungen finden sich hier oft auch Erinnerungen ehemaliger Waldorfschüler und Lehrer. Von „für das Leben prägenden Erfahrungen“ während der Theaterproben oder von „dramatischen Erinnerungen an unser Stück“ ist da die Rede, beispielhaft aber auch die Aussage: „Erst während der Proben wurden wir zu einer wirklichen Gemeinschaft!“

Zwölftklassspiel (2015)

Gerne werden mit den Klassen ab dem ersten Schuljahr Rollenspiele und Szenen eingeübt. Etwa für Monatsfeiern oder Schulfeste wird regelmäßig chorisches Sprechen, der Vortrag in Einzelstimmen, aber auch Singen, Musizieren, eurythmisches oder akrobatisches Bewegen geübt. Hierin unterscheidet sich allerdings der pädagogische Auftrag des Waldorf-Lehrplanes deutlich von den Theater-AGs oder Wahl-Kursen anderer Schulformen. Jeweils die ganze Klasse und nicht nur eine Gruppe Interessierter führt ihr Stück auf!

Spätestens in der Mittelstufe besitzen Waldorfschüler also einen reichen Schatz an Bühnenerfahrung. Daraus folgt Stolz auf bereits vollbrachte Leistungen und vor allem das nötige Selbstvertrauen für die beiden großen anstehenden Theaterprojekte. Denn in der 8. und in der 12. Klasse werden inzwischen die großen „Klassenspiele“ inszeniert.

In der 8. Klasse

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

Rudolf Steiner betonte, dass Schüler ab dem 12. Lebensjahr (allmählich) reifer dafür werden, Dramatik zu erleben. Mit der Pubertät könnten deshalb ausgewählte dramatische Literaturstellen besprochen und möglichst in Szene gesetzt werden. Erfahrungsgemäß finden sich unter den ca. 14jährigen Achtklässlern zunächst einige Mädchen, die sich nun gerne in Szene setzen. Sie suchen stimmlich und durch Gesten fast theatralische Ausdrucksformen. Dadurch lernen sie und zugleich alle Mitschüler mehr über die eigene Individualität und ihre Wirkung auf das Gegenüber.

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

Viele Jungen wachsen gleichzeitig enorm und ähneln schließlich äußerlich jungen Männern. Ihre Stimme verändert sich. Große Unsicherheiten und den Wunsch oder Drang, die neue eigene Persönlichkeit zu entdecken, spüren beide Geschlechter. Innere Zerreißproben als Folge starker seelischer Spannungen werden bemerkt. Man erlebt gelegentlich ein geradezu eruptives Aufbegehren. Das führt bei den Jugendlichen immer wieder zu Grenzerfahrungen und zu Protesten gegen die vielen Ungereimtheiten der Welt. Aus dem Bedürfnis, ihre neu gewonnenen körperlichen und geistigen Kräfte kennenzulernen, manchmal wohl auch aus Verlegenheit, ziehen sich einige zurück.

In neuen Grüppchen stärken sie dann wieder ihr Selbstvertrauen. In diesem Klima des Wandels, vieler seelischer Regungen und gewaltiger neuer Kräfte entwickeln sich Individualitäten mit latenten Fragen nach Recht und Richtigkeit. Aus den Kindern sind Teenager geworden.

Das Achtklassspiel bietet nun Möglichkeiten, während dieser besonders schwierigen Entwicklungsphase Seelisches hinter der Maske einer Rolle zu gestalten, vielleicht auch auszuleben.

In einer Pause von „Das Gespenst von Canterville“ (Juni 2012)

Während der Vorbesprechungen zu ihrem Klassenspiel ahnen die meisten Schüler kaum etwas von den bevorstehenden Herausforderungen. Aufmerksame Beobachter bemerken nun aber neben euphorischen Stimmen auch deutlich zurückhaltendere Klassenkameraden.

Idealerweise werden die Stücke von den Schülern ausgewählt. Dafür trifft der Lehrer eine gezielte Vorauswahl. Welche Texte passen für diese Klasse? Besitzt ein Stück auch die nötige moralische Qualität, die es erlaubt, seine Schüler so tief zu beeindrucken und zu prägen? Können bestimmte Unterrichtsinhalte durch die intensive wochenlange Beschäftigung lebendig vertieft werden? Ist die Sprache verständlich oder zwar klassisch schön, für die Schüler jedoch schwer zu durchdringen? Welches Stück sieht ausreichende weibliche und männliche Rollen vor? Werden wenige Schüler in Hauptrollen, andere in Nebenrollen gedrängt? Bieten auch Nebenrollen den Akteuren Gelegenheit, über sich hinauszuwachsen? Bewirken bei vielen kleineren Rollen erst Gesangeinlagen, Tanz, möglicherweise Eurythmie oder chorisches Sprechen die nötigen Grenzerfahrungen? Um dem Gestaltungsprozess den nötigen Freiraum zu ermöglichen, sollte die Textvorlage unbedingt viele Entwicklungsmöglichkeiten bieten!

Zunehmend intensiver wird mit den Jugendlichen nun wochenlang das Stück gelesen. Bald werden Rollen verteilt. Ein pädagogischer Auftrag kann darin bestehen, die Schüler für Charaktere zu begeistern, die ihren alltäglichen Rollenmustern eben nicht entsprechen. Denn wer einen anderen Charakter auf der Bühne lebendig verkörpern will, musste sich zuvor in diese fremde Persönlichkeit hineinversetzen und sie bis in Einzelheiten verstehen. Bildlich gesprochen schlüpft der Schauspieler in eine andere Haut. Viele Rollen durchleben zudem während des Stückes große Wandlungen, es gilt dann, alte Überzeugungen aufzugeben.

Beherrschte heute jeder Erwachsene diese Fähigkeit, eigene Standpunkte aufzugeben und sich in andere Persönlichkeiten hineinzuversetzen, wären viele soziale Probleme schnell gelöst! Auf diese Weise werden Schülern jedenfalls Schwellenerfahrungen ermöglicht, die sie weit über sich hinaus wachsen lassen.

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

In einer anderen Vorgehensweise werden die Rollen nach mehr künstlerischen Gesichtspunkten vergeben, wenn es vorrangig gilt, den Spielern Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Vor allem an heilpädagogischen Schulen wird oft dieser Ansatz verfolgt. Man stelle sich nur die Herausforderung für einen Schüler mit enormen Lern- oder Sprachschwierigkeiten vor, ins Rampenlicht zu treten, um vor großem Publikum zu sprechen. Welchen Mut und wie viel Überwindung benötig ein verstummtes Kind für seinen Auftritt? Auf heilpädagogischen Fachtagungen wird gelegentlich nach dem Sinn von Klassenspielen für schwer geistig behindere Schüler gefragt. Grundsätzlich sollten Teenager mit oder ohne besonderen Förderbedarf, wenn sie Rollen verkörpern, die ihren persönlichen Handlungsmustern ähneln, jedoch immer intensiv erleben: Mein eigenes Inneres findet sich in der Welt wieder und hat hier seine Bedeutung. Es steht regelmäßig im Spannungsfeld einerseits zwischen Gerechtigkeit und Wahrheit, andererseits zwischen Unrecht, Verblendung oder Egoismus.

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

Bis zur Probenzeit und manchmal sogar noch danach müssen Dialoge umgeschrieben oder neu gedichtet werden. Probenarbeiten verlaufen immer sehr dynamisch. Viele Schüler lernen währenddessen die Grundlagen der Bühnensprache. Eine erfahrene Schauspielerin erläuterte es so der Klasse: „Auf der Bühne müsst ihr unbedingt die 3 L beherrschen: Dort müsst ihr Langsam, Laut und deutLich sprechen!“ Solches Können wird sicherlich auch in zukünftigen Bewerbungsgesprächen und im späteren beruflichen Alltag heutiger Schüler sehr nützlich sein. Durch Sprachpflege sollen die Schüler aber nicht nur lernen, artikuliert und frei zu sprechen. Denn gerade weil die Sprechweise eines Menschen besonderer Ausdruck seiner einzigartigen Persönlichkeit ist, leistet genau hier die Theaterarbeit einzigartige „Entwicklungshilfe“.

Vorarbeiten für das Achtklassspiel „Das Gespenst von Canterville“ (Mai 2012)

Im Verlauf der Bühnenarbeit können grundlegende soziale Erfahrungen gar nicht ausbleiben. Mit den Inhalten des Stückes, mit den Schicksalen der Rollen und mit der Sprache des Autors verbindet sich die Klasse oft über Monate, bis sie ganz in ihnen lebt. Das verändert die jungen Menschen und die Lehrer. Immer wieder bringt die Theaterarbeit Bewegung in die Klassengemeinschaft. Schüler nehmen sich während der Proben gegenseitig neu wahr und entdecken einander in anderem Licht. Eine Aufführung kann schließlich nur gelingen, wenn sie von jedem als Gemeinschaftsleistung erlebt wird. Sympathien oder gar Antipathien untereinander dürfen keine Gültigkeit mehr haben. Jeder muss seine Aufgabe zuverlässig erfüllen, damit das gemeinsame Projekt gelingen kann. Das erfordert ebenso ein ungewohnt hohes Maß an gegenseitiger Rücksichtnahme! Für die meisten Achtklässler ist beispielsweise die Erfahrung neu, dass im Falle von Fehltagen oder auch bei mangelhaft beherrschten Textpassagen sie nicht nur für sich selbst etwas verpassen, wie in den anderen Unterrichten.

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

Denn während der Proben hindert ein Fehlender genau so die Mitspieler an der Weiterarbeit. Es kommt ja gerade auf das Zusammenspiel an. Nur angedeutet sei hier, dass anders als in den Großklassen, die Schüler der Kleinklassen nur selten auch noch eine zweite Rolle für den Fall einer Vertretung einstudieren können. Die Gemeinschaft hofft dann inständig darauf, dass am Aufführungstag niemand erkrankt.

Parallel zu den Bühnenproben werden Kulissen gestaltet, meist sind Requisiten zu besorgen, es werden passende Kostüme gesucht, verändert, vieleicht neu genäht. Alle Umbauten während der Szenenwechsel müssen in kürzester Zeit möglichst leise erfolgen.

Achtklassspiel „Das Fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2015)

Das erfordert eine ausgefeilte, gut geprobte Technik und Logistik. Die Beleuchtung mit Lichtwechseln für jede Stimmung sollte eingerichtet und gesteuert werden, Bühneneffekte sind zu überlegen und einzustudieren. Gerne helfen Schülerinnen älterer Klassen oder Fachkolleginnen zu den Aufführungen bei der Maske, aber auch sie müssen in die verschiedenen Charaktere eingewiesen werden. Rechtzeitig sind Einladungsplakate, vielleicht sogar Programmhefte zu entwerfen und zu gestalten. Normalerweise ruht während der letzten Probenwoche(n) für die 8. Klasse ihr regulärer Schulalltag ganz. Alle verfügbaren Zeiten und Energien werden den Proben und Vorbereitungen gewidmet.

nach der Uraufführung „Das fliegende Klassenzimmer“ (Juni 2012)

Das arbeitsreiche, zeitaufwendige Theaterstück entwickelt sich immer mehr zu einem einmaligen, sehr beachtlichen Gesamtkunstwerk. Und irgendwie schaffen es schließlich doch alle Klassen, zum angekündigten Zeitpunkt ihr Klassenspiel auf die Bühne zu bringen.

Gelingen kann das aber nur, wenn auch jeder irgendwann seine Freude am Spielen entdeckt! Allenfalls eingeweihte Zuschauer wissen schließlich bei der Uraufführung von den Anstrengungen der letzten Wochen. Für die Schüler folgt auf den Applaus nach dem allerletzten Vorhang erst einmal eine glückliche, freudige Phase der Erleichterung.

 

In der 12. Klasse

Klassenspiel der 11a und 11b, 2015

Ziel des „Abschlussspiels“ sollte eine weitgehend selbstständige Schüleraufführung des Theaterstücks sein. Die Erarbeitung verläuft nicht mehr vornehmlich prozessorientiert, wie in der Mittelstufe, sondern ist viel zielorientierter, auf den festgelegten Aufführungstermin. Die jungen Erwachsenen stehen zunächst vor der Herausforderung, ihr Stück aus mehreren Vorlagen auszuwählen.

In der Diskussion darüber werden eigene Motive deutlich, hoffentlich sogar aktuelle Bezüge formuliert. Das Theaterprojekt kann schließlich nur durch eine zwar intensiv pädagogisch begleitete, aber idealerweise weitgehend selbstständige künstlerische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Elementen der dramatischen Darstellung erfolgreich erarbeitet werden.

Klassenspiel der 11a und 11b, 2015

Dieser Anspruch wird natürlich in verschiedenen Klassen oder in heilpädagogischen Schulen unterschiedlich gut gelingen. Die Erarbeitungsschritte und Aufgabenbereiche unterscheiden sich dabei jedoch kaum von denen des Achtklassspieles.

Auf der Bühne ist jetzt jedoch jeder Spieler umfassend gefordert. Das Denken, Fühlen und Handeln einer verkörperten Rolle offenbart sich im schauspielerischen Ausdruck, im Sprechen und in der Gebärde. Gelungene Abschlussspiele präsentieren überzeugende Charaktere.

Jetzt gelingt es den Schülern meistens, fremde Gedanken als Realitäten überzeugend zu verkörpern. Durch ihren sprachlichen Ausdruck und ihre Gesten werden Worte zu Taten und im Dialog Gesten zur Sprache. Nicht nur an heilpädagogischen Schulen ist die therapeutische Wirkung solcher umfassenden Intensivarbeiten immer wieder zu bestaunen.

Klassenspiel der 11a und 11b, 2015

Eine hervorragende Vorbereitung auf viele nachschulischen Lebens- und Berufswirklichkeiten sind jetzt aber genauso die „backstage activities“, die Arbeiten an den Kulissen und hinter der Bühne. Fähigkeiten wie Phantasie, Wirklichkeitssinn, Genauigkeit, ein passendes Zeitmanagement, Kooperations- oder Improvisationsvermögen- und alles im Team, müssen jetzt bewiesen werden. Unter Zwölftklässlern kann es zu Kompetenzwettbewerben um Details oder das Ganze kommen. Die Schüler lernen jedenfalls, eine Dichtung so zu analysieren und umzuwandeln, dass durch eigene schöpferische Gestaltung ihr gewaltiges, vielschichtiges Kunstwerk entsteht.
Kann es überhaupt überzeugendere schulische Vorbereitungen auf die späteren Arbeits- und Lebenswirklichkeiten in unserer modernen, arbeitsteiligen Welt geben?