Ita Wegman

Halte dein Herz warm, dies ist das einzige Mittel, um sich nicht von einander zu entfremden, auch wenn die Meinungen auseinander gehen

Bild: Ita Wegman

Ita Wegman

Ita Wegman kam am 22. Februar 1876 als erstes Kind einer niederländischen Kolonialfamilie auf der indonesischen Insel Java zur Welt. Ihr Vater betrieb dort eine Zuckerplantage. Ita hatte einen älteren Halbbruder und vier jüngere Geschwister, die meisten starben früh. Der Bruder Mantha war geistig behindert. Ita besuchte zunächst europäische Schulen auf der großen Pazifikinsel. Mit 14 wurde das Mädchen in die Niederlande geschickt, um in Arnheim ihre Schulausbildung abzuschließen. Erst fünf Jahre später kehrte sie kurzfristig zu ihrer Familie nach Indonesien zurück. Auf der Schiffsreise lernte sie ihren späteren Verlobten kennen. Der starb jedoch bald an Tuberkulose.

Seit diesem Schicksalsschlag beschäftigte sich Ita Wegman mit spiritueller, theosophischer Literatur. Aus Überzeugung ernährte sie sich vegetarisch.
Spätestens im Jahr 1900 zog es die junge Frau endgültig nach Europa. Solche Lebenserfahrungen zwischen ganz unterschiedlichen Kulturen, die ja auch in den Niederlanden der Jahrhundertwende vielerorts spürbar waren, hatten scheinbar ihre Neugier auf fremde Länder und vor allem auf den einzelnen Menschen nachhaltig geweckt. Noch als ältere Dame brach Dr. Wegman gerne zu ausgedehnten Reisen in damals abgelegene Regionen auf. Ihrem holländischen Akzent und auch manchen grammatikalischen Besonderheiten blieb sie lebenslang treu.

Frau Wegman ließ sich zunächst in Amsterdam und Berlin in Heilgymnastik und Klassischer Massage ausbilden. Sie lernte in Berlin ganz neue Massagemethoden kennen und entwickelte diese weiter. Bereits auf Java bekam sie über die dortige Theosophische Gesellschaft erste Kontakte zur Anthroposophie. Mit 26 Jahren begegnete Ita Wegman in Berlin Rudolph Steiner persönlich und wurde festes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Im regen Austausch mit Steiner entschließt sich die nun schon über Dreißigjährige das Studium der Medizin an der Universität Zürich aufzunehmen. Dazu musste sie zunächst die Matura (Qualifikation, ungefähr vergleichbar mit dem Abitur) nachholen. Das gelang in einem einjährigen Crashkurs. Als Fachärztin für Frauenheilkunde beendete sie schließlich 1911 erfolgreich ihre Jahre an der Universität. 1917 eröffnete sie eine eigene Praxis und betrieb bereits kurz danach mit Kolleginnen eine kleine Privatklinik in Zürich.

Auf Anregung Steiners entwickelte sie zusammen mit anderen ein Mistelpräparat, das erfolgreich gegen Krebs eingesetzt wurde. Aus dem sogenannten Iscar entwickelte sich später das heute weit bekannte Mittel Iscador.

In Arlesheim bei Basel, nahe Dornach mit dem dortigen Goetheanum, erwarb Dr. Ita Wegman 1920 ein kleines Haus mit wildem Garten und einem großen Apfelbaum am Eingang. Hier gründete sie ihr privates „Klinisch-Therapeutisches Institut“, die heutige weltbekannte „Ita Wegman Klinik“. Aus dieser noch kleinen Privatklinik sollte sich in den folgenden Jahren unter ihrer Leitung das Zentrum der anthroposophischen medizinischen Forschung entwickeln. Zugleich übte dieses Institut mit ihrer Leiterin eine zunehmend größere Anziehungskraft auf Jungmediziner aus, die sich für anthroposophisch–medizinische Vorgehensweisen begeisterten. Für die Ärzte war vor allem neu, dass die detaillierten Lebenswege und Lebenssorgen der Patienten im Vordergrund standen.

Im regen Austausch mit der charismatischen Institutsleiterin und unter der spirituellen Begleitung Steiners wurden viele neue Therapien und Präparate entwickelt. Schon 1922 mussten verschiedenste Heilmittel in so großen Mengen hergestellt werden, dass dafür eine eigene Fabrik, die heutige Weleda AG gegründet wurde. Maßgeblich wirkte Frau Dr. Wegman auch hier mit.

Wer versucht, anhand der Biographie Ita Wegmans vor allem die 1920er und 1930er Jahre zu rekonstruieren, gerät in ein atemloses Staunen. Neben der Lösung organisatorischer und wirtschaftlicher Probleme wurden täglich viele grundlegende Entscheidungen getroffen, vor allem aber im Gespräch mit Patienten, Jungmedizinern, Ärzten und Apothekern. Täglich mussten Schicksalsfragen einzelner Menschen bewegt und verstanden werden. Ita Wegman bestärkte und überzeugte durch ihren Enthusiasmus und wirkte geradezu durchdrungen von der Neugier auf ihr Gegenüber. Freunde und Patienten erinnerten sich später besonders an Ita Wegmans blaue Augen, die warm und hell strahlten, den Anderen tief in sich aufnahmen, aber auch prüfend blickten.
Oft reagierte sie begeistert auf neue Pläne junger Kollegen. Man unterstellte ihr dabei völlige materielle Selbstlosigkeit. Nachdem sie für drei Jahre auf der Untersuchungsliege neben ihrem Schreibtisch übernachtet hatte, schritt schließlich Rudolph Steiner ein und ließ ihr auf dem Gelände ein Holzhäuschen errichten (das heutige Ita Wegman Institut).

Während der intensiven Arbeit über das Schicksal einzelner verlor sie nie das grundsätzliche Interesse am Weltgeschehen. Oft staunten jüngere Kollegen, wenn sie die Institutsleiterin bereits vor Beginn der Morgenvisite erlebten, wie sie nach dem ausführlichen Zeitungsstudium politische, kulturelle und religiöse Fragen mit ihnen besprach.

Die neuen Erkenntnisse blieben nicht in der Arlesheimer Klinik. Aufsätze, Bücher und viele Briefe wurden verfasst. Frau Dr. Wegman begleitete Steiner als Vertraute, Ärztin und Lernende zu dessen Vorträgen nach England, Österreich, Holland und Frankreich. Maßgeblich organisierte sie auch die Fachkurse für Mediziner und Pflegerinnen.

Für Kinder und jugendliche Patienten waren neben der rein medizinischen Fürsorge unbedingt auch heilpädagogische Hilfestellungen vonnöten. Dafür erwarb Frau Dr. Wegman 1922 den „Sonnenhof“ in Arlesheim. Bald konnten die ersten Kinder mit Entwicklungsstörungen aufgenommen werden. Als Steiner 1924 den ‚Heilpädagogischen Kurs‘ hielt, wurden einige dieser Kinder vorgestellt und von ihm besprochen. So war das Heim „Sonnenhof“ mit den ‚seelenpflegebedürftigen Kindern‘ von Anfang an wesentlicher Bestandteil der anthroposophischen Entwicklung. Es werden dort noch heute bis zu 46 Kinder stationär aufgenommen und betreut

Nicht erst nach dem Brand des ersten Goetheanums in der Silvesternacht 1922/23 wurde Ita Wegman zur wichtigsten Vertrauten und engen Mitarbeiterin Rudolf Steiners. Oft kam er von Dornach nach Arlesheim, um gemeinsam mit Ärzten und Heilpädagogen Patienten in Augenschein zu nehmen und geeignete Therapien zu entwickeln.

Ita Wegman wurde in den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft gewählt und leitete die erste Klasse der soeben gegründeten ‚Freien Hochschule für Geisteswissenschaft‘ in Dornach. Vor allem als Leiterin der ‚Medizinischen Sektion‘ begleitete und betreute sie unermüdlich die heilpädagogische Bewegung in Europa. Unter ihrem tatkräftigen Rat entstanden allein bis zum Kriegsausbruch 1939 zweiundzwanzig Heime sowie die Schwesternschule in Arlesheim. Oft reiste sie während dieser Vorkriegsjahre durch Europa und leistete eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit. Unterbrochen wurde diese unruhige Phase für etwa 7 Monate, bis März 1925, in denen sie Rudolph Steiner auf dem Krankenlager bis zu seinem Tod († 30.3.1925) pflegte. In dieser Zeit entstand auch das gemeinsam verfasste Buch „Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“, ein Standardwerk mit weiterhin aktuellen Bezügen.

Nach dem Tod Rudolf Steiners wirkte Ita Wegman unermüdlich weiter. Steiner hatte stets die weltweite Verbreitung seiner neuen anthroposophischen Ideen gefördert. So unterstützte sie tatkräftig die „World Conference“ zu seinem Lebenswerk in London im Juli 1928. Während sich die kontinentalen Waldorfschulen durch Kunstausstellungen an dieser Konferenz beteiligten, reiste sie mit einer Gruppe heilpädagogischer Zöglinge in England an. Die Schüler führten heileurythmische Übungen vor. Begleitet wurde die Konferenz durch Leierkonzerte, für deren Einsatz nicht nur in der Heilpädagogik sich Ita Wegman besonders nachdrücklich einsetzte.

Nach 1933 änderte sich das politische und geistige Klima in Deutschland und vielerorts. Das anthroposophische Menschenbild geht von der Individualität, dem Lebenslauf, den Erfahrungen, seinem Schicksal aus. Die anthroposophische Bewegung wurde von den deutschen Machthabern mit Schlagworten wie „Internationalismus“, „Individualismus“ oder „Pazifismus“ verboten. Etwa gleichzeitig kam es in der Anthroposophischen Gesellschaft zu schweren Zerwürfnissen. Darüber erkrankte Ita Wegman schwer, sogar lebensgefährlich. Trotzdem ermutigte und inspirierte sie ihre Umgebung unermüdlich weiter. Zwischenmenschliche Spannungen oder ein lautes NEIN schreckten sie kaum. Das spornte sie nur an, nach Heilungs- und Wandlungskräften zu suchen. Immer wieder versuchte sie Disharmonien auszugleichen und zukunftsweisende Wege aufzuzeigen. In leiserer, innerer Arbeit geschah dann oft, was vorher unmöglich schien. Schließlich fand Ita Wegman sogar während des Weltkrieges viele Möglichkeiten, europaweit Mut und Hoffnung zu verbreiten.

Der „Sonnenhof“ in Arlesheim für seelenpflegebedürftige Kinder wurde erweitert und bekam eine ‚Dependance‘ bei Ascona im Tessin. Hier, in der Klinik „Casa Andrea Christoforo“ mit angeschlossenem Kinderheim, verbrachte Ita Wegman ihre letzten Lebensjahre. Nachhaltig setzte sie sich vor allem für kriegsgeschädigte Mitarbeiter, jüdische Kinder und Flüchtlinge ein. Am 4. März 1943 starb sie, kurz vor ihrem 67. Geburtstag während eines Arbeitsbesuches in Arlesheim. Als Aufbewahrungsort für ihre Urne hatte sie sich eine kleine Kapelle bei Brissago, mit Blick auf den Lago Maggiore und ihre geliebte Bergwelt ausgesucht. Auf Ita Wegmans Wunsch hatte die viel jüngere Freundin und Schülerin Liane Collot d‘Herbois diese Kapelle „La Motta“ ganz neuartig und sehr beeindruckend mit Fresken ausgestaltet. Aus den intensiven Anregungen und Erfahrungen der Zusammenarbeit mit Ita Wegman konnte Liane Collot d‘Herbois später ihre besondere und heute noch praktizierte heiltherapeutische Malweise entwickeln. Das ist allerdings nur einer von vielen Bereichen, in denen das Wirken und der Geist Ita Wegmans seither an vielen ganz unterschiedlichen Orten spürbar wird und fortlebt.

Für die Lehrer an unserer bewusst nach ihr benannten Schule bleibt Ita Wegman inspirierendes Vorbild. In vielen Gesprächen betonten Kollegen ganz unterschiedliche Wesenszüge dieser Pionierin der Heilpädagogik, der Lehrerin, der Forscherin, der Medizinerin, der Frau, der Menschenfreundin oder der Anthroposophin. Fasziniert sind alle von ihrer Tatkraft sowie ihrer unbedingten Neugier und Liebe gegenüber jedem Einzelnen. Wird an ihren Geburtstag im täglichen Morgenkreis erinnert oder ein neues Porträtbild irgendwo in der Schule aufgehängt, stellen auch viele Schüler neugierige, interessierte Fragen zu Ita Wegman.

Möge sie der Schule, den Schülern und Lehrern weiterhin Leitbild bleiben.