Der kleine Ritter Trenk – Klassenspiel der 8. Klasse

Der kleine Ritter Trenk – Klassenspiel der 8. Klasse

Der kleine Ritter Trenk – Klassenspiel der 8. Klasse


Der kleine Ritter Trenk, unser Achtklassspiel

Ein besonderer Höhepunkt, nicht nur an heilpädagogischen Waldorfschulen, ist das Theaterspiel der 8. Klasse. Im Achtklassspiel bieten sich Schülern Möglichkeiten, während einer für sie schwierigen Entwicklungsphase seelisches unter dem Schutz oder hinter der Maske einer Rolle darzustellen, teils auch auszuleben. Zudem wird im Rahmen der Theaterproben in einem besonderen Tagesablauf vieles für die Schüler Neue erlebt und gelernt: Es gilt miteinander an den Texten, am Bühnenbild, an den Requisiten, an den Kostümen, an der Maske, am Entwurf der Plakate und nicht zuletzt auch an der Klassengemeinschaft zu gestalten.
Wer am 7. und/ oder am 8. März 2019 eine Vorstellung des Stückes „Der kleine Ritter Trenk“ besuchte, konnte nur erahnen, was die achte Klasse während der vergangenen Monate schon durchlebt hatte. Es begann bereits im vergangenen Schuljahr mit der Auswahl eines Stückes. Zunächst wurde mit verteilten Rollen in Textbüchern gelesen. Währenddessen konnten grundsätzliche Verständnisfragen für die teils mehrschichtigen Textinhalte geklärt werden. Bereits beim ersten Lesen setzten sich einzelne Schauspieler schnellstmöglich hochdramatisch in Szene, andere verhielten sich deutlich abwartender. Noch bevor ein drittes Theaterstück gelesen und besprochen wurde waren sich viele einig, es solle „Der kleine Ritter Trenk“ auf die Bühne gebracht werden. Offensichtlich entdeckten erste Schüler im Text Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit.

Im Zentrum der Handlung stehen zwei Teenager, der Bauernsohn Trenk und die Ritterstochter Thekla. Sie wollen sich nicht mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt abfinden und lehnen sich dagegen auf. Völlig ungerecht findet Trenk, dass seine Familie unter dem grausamen Ritter Wertolt dem Wüterich leidet. Trenk will einfach nicht mehr dulden, dass sein Vater unschuldig ins Gefängnis kommt, geschlagen wird und die Familie zudem hungern muss. Jetzt soll auch noch das Ferkel geholt werden! Deshalb entschließt sich der Junge, selber Ritter zu werden. Trenks Renitenz wirkt zunächst hoffnungslos. Laut Gesetz und Tradition bleibt ein Leibeigener sein Leben lang leibeigen. Doch „wer tapfer wie ein Ritter ist, der sollte auch Ritter werden dürfen!“ Trenk zieht es in die Stadt, mitten durch eine zauberhafte Welt von Gauklern, Drachen, Rittern und Marktständen. Kann Stadtluft wirklich frei machen? Glücklicherweise begegnen Trenk und ‚Ferkelchen‘ immer wieder Menschen, die ihnen weiterhelfen, nicht zuletzt der ängstliche Rittersohn Zink. Der will keinesfalls Ritter werden und erst recht nicht gegen böse Drachen kämpfen, wie er vehement wiederholt. Kann man seine angeborene Lebensrolle einfach tauschen? Auch die Ritterstochter Thekla hadert mit dem gängigen Frauenbild. Sie will lieber kämpfen als Harfe zu spielen und zu sticken. Als sie sich dem vermeintlichen Ritter Trenk anschließt, findet sich ein beinahe unbezwingbares Duo, das zunehmend Interesse aneinander entdeckt…
Als Vorbereitung für die Rollenvergabe nannte und zeichnete jeder Schüler die Rolle, die er gerne spielen wollte. Während bald einige Schüler genau wussten, welche Rolle sie übernehmen würden „und zwar nur die oder gar keine!“ äußerten sich einzelne Mitschüler zögerlicher. Am liebsten hätten sie in diesem frühen Probenstadium ganz auf das Achtklassspiel verzichtet. Nach Diskussionen und nach manchen auch dadurch notwendig gewordenen Textänderungen konnten schließlich fast alle Rollenwünsche erfüllt werden. Jeder Spieler sollte mit einer oder mit zwei Rollen auftreten. Allerdings verlangte auch jede Bühnenfigur ihre ganz individuelle Spielbegeisterung und bot eigene Entwicklungschancen. Mehrere Schüler hatten vergleichsweise lange Texte zu lernen. Dafür mussten teilweise neue Lernmethoden individuell entwickelt werden. Bald bestand die tägliche Hausaufgabe nur noch darin, die eigenen Textpassagen zu lernen, und zwar im Bezug auf die voran gegangenen Dialoge.

Die folgenden Wochen gestalteten sich abwechslungsreich, sie vergingen viel zu schnell, für manchen auch sehr „stressig“. Einzelne Schauspieler wurden sprachlich und von ihrem Bühnentemperament bis an ihre Grenzen gefordert. Für sie bedeutete die Kunst des langsamen, lauten und deutlichen Sprechens eine enorme Herausforderung. Andere mussten sich in Geduld üben, wenn etwa langsamere Mitschüler bei ihren Einsätzen noch immer auf den Souffleur warteten, Textpassagen durcheinander gerieten oder oftmals einstudierte Gesten auf der Bühne regelmäßig neu geübt wurden. Einzelne Schüler ergriffen Eigeninitiative und entwickelten ihnen wichtige Szenen während der Proben spontan weiter. Das verführte zuweilen zum Schmunzeln. Wirkten Posen theatralisch übersteigert, half manchmal die Gruppe zu einer überzeugenderen Vortragsweise. Kampfszenen entwickelten sich zu den größten Übfeldern. Was beim ersten Lesen so einfach klang und wohl zu voreilig als „tausendmal im Leben geübt“ eingeschätzt wurde, konnte erst unter der Anleitung aller beteiligten Erwachsenen, nach vielen Einzelproben, szenisch dargestellt werden.
Schüler erkrankten oder fehlten, zusammen mit einem auch der bisher sehr aktive Schulbegleiter. Die Tatsache, dass aus organisatorischen Gründen immer wieder die Klasse und nicht die Bühne als Probenraum zur Verfügung stand, erforderte besondere Rücksichtsnahmen und Konzentrationsanstrengungen. Es kam zu Stimmungsschwankungen, auch unter Tränen, zu vielen neuen Ideen, zu seitenweisen Textänderungen, zu Textkürzungen und zu Umbesetzungen. Sprachlich und schauspielerisch gewannen währenddessen zuerst einzelne Szenen, schließlich das ganze Stück immer deutlichere und überzeugendere Konturen. Als sich zuletzt in der neunten Klasse für einen verhinderten Schüler Ersatz für die Rolle des ‚Ritter Wertolt‘ fand, war die Kumpanei im späten Winter endlich vollständig. In der 12. Klasse bildete sich schließlich ein Duo, dass sich neben allen Prüfungsvorbereitungen einweisen ließ, um die Beleuchtung zu übernehmen.
Parallel zur Bühnenarbeit galt es, in Kleingruppen für die insgesamt fünfzehn Szenen drei Kulissen zu entwerfen und so zu gestalten, dass sie mehrmalige Szenenumbau überstanden. Glücklicherweise bot sich Frau Johnson an, zu helfen. Mit starker seelischer Kraft und mit musikalischem Eifer brachte sie sich elanvoll ein in die Bühnenproben und in den Kostümfundus. Aus ganz verschiedenen Quellen gelangten immer weitere Kostümelemente in die Garderobe. Während sich die meisten Schauspieler begeistert und wie selbstverständlich verkleideten, wollten einzelne zögerlicher auf der Bühne ihre Rolle auch in neuer Tracht verwirklichen. Frau Schröder fand aus der 6. Klasse zu der Zeit einen festen Platz im Herzen des Ensembles.
Endlich nahte der erste Aufführungstermin. Natürlich kam er viel zu vorzeitig, er hätte andererseits aber auch nicht später angesetzt werden dürfen. Muss bei einer Generalprobe denn wirklich so vieles schief laufen? Am entscheidenden Donnerstagvormittag, der Uraufführung, war jedenfalls hinter dem Bühnenvorhang manches von der Spannung und Konzentration zu spüren, mit der die Schulgemeinschaft dem „Kleinen Ritter Trenk“ folgte. Die IWS begleitete unsere Inszenierung jedenfalls lachend, applaudierend und feuerte gelegentlich mit Zwischenrufen die Kumpanei an. Natürlich fanden alle Zuschauer nach der kurzen Zwischenpause freudig zurück in den Saal. Schließlich wurden die Schauspieler mit einem Blumenregen und mit mehreren Vorhängen belohnt. Am Freitagnachmittag wurde die Aufführung vor Eltern, Betreuern und vielen weiteren Besuchern ein letztes Mal gegeben. Nachmittags auf die Bühne zu treten bedeutet für eine heilpädagogische Mittelstufenklasse eine merkliche Anstrengung. Dankbar spürte das Ensemble jedoch, wie liebevolle und stolz das Publikum der Aufführung folgte. Einzelne Schauspieler spielten offensichtlich in ihrer Rolle auch mit dem Publikum.
Als sich später zum brausenden Applaus alle Spieler verbeugten, war jedem die Anspannung und bald eine verdiente Ausgelassenheit deutlich anzumerken. Schweißgebadet, aber glücklich und vor allem stolz auf die mit Bravour vollbrachten Leistungen eilten wenig später alle leutselig zu dem Buffet, um sich mit Freunden, Verwandten, Betreuern und den vielen Gästen erleichtert auszutauschen und um endlich abzuschalten. Der „kleine Ritter Trenk“ hat die achte Klasse jedenfalls nachhaltig verwandelt.

Thomas Peek