20 Jahre Ita Wegman Schule

20 Jahre Ita Wegman Schule

20 Jahre Ita Wegman Schule

Am 29. September 2020 feierte die Ita Wegman Schule ihren 20. Geburtstag. Planungen für die großen Feierlichkeiten waren bereits fortgeschritten, als die Pandemie Covid-19 bedrohlich um sich griff. In Krisensitzungen beschlossen deshalb die Schulführung und die Pädagogische Konferenz, den Festakt, das Schulfest und die Festschrift auf den 25. Geburtstag zu verschieben. Möge dieser kurze Rückblick auf zwei erste bewegte Dezennien der Ita Wegman Schule den Festtag an Michaeli 2020 in Erinnerung rufen und Vorfreude auf das dann erlebte erste Jahrhundert-Viertel wecken.

Gegen Ende der 1990er Jahre wurden Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf nur in Ausnahmefällen an der FWS Benefeld aufgenommen. In ihrer Not trafen sich deshalb Eltern, Lehrer, Ärzte und Therapeuten zum Erfahrungsaustausch. Aus diesen privaten Treffen entstand eine Arbeitsgruppe. Man las gemeinsam im Heilpädagogischen Kurs R. Steiners und in der Allgemeinen Menschenkunde. Gleichzeitig wurde die Vereinsgründung vorangetrieben und Kontakte zu heilpädagogischen Schulen intensiviert. Bereits Mitte 1999 traf sich die Gründungsversammlung zum eingetragenen „Verein zur Förderung und Trägerschaft von pädagogischen Einrichtungen auf der Grundlage der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners“. Drei tatkräftige Frauen wurden als erste Vorstände gewählt: Heidelore Hofmann, Astrid Holste und Brigitte Schmidlin. Bald erreichten den Verein sehr drängende Hilferufe. Es mussten umgehend Beschulungsmöglichkeiten für Schüler mit unterschiedlichen Förderbedarfen nach waldorfpädagogischer Methodik gefunden werden. Auf der Mitgliederversammlung im Dezember 1999 wurde nachdrücklich gefordert, die Schulgründung bereits für das Schuljahr 2000/01 anzustreben. Bis zum Genehmigungsantrag an die Bezirksregierung Lüneburg vom 09. März 2000 war allerdings noch eine gewaltige inhaltliche, organisatorische und rechtliche Vorarbeit zu leisten.

Viele Behörden und Institutionen begleiteten die junge Initiative wohlwollend. Neben Kollegen des Kleinklassenzweiges aus Hannover Bothfeld war ebenfalls die Tobiasschule Bremen sowie der Verband Heilpädagogischer Schulen Nord aktiv in der Schulgründungsphase. In Benefeld wurde unmittelbar benachbart zur Waldorfschule das ehemalige Ärzte- oder Dialysezentrum erworben und von Eltern umgebaut. In verschiedenen Schriftstücken dieser Zeit ist von „Initiative Kleinklassenschule“, von „Ersatzschule in freier Trägerschaft“ oder von „heilpädagogische(r) Sonderschule Benefeld“ die Rede. Ein pädagogisches Konzept wurde erarbeitet. Begründet wurde der „Antrag auf Genehmigung einer heilpädagogischen Waldorfschule“ vom März 2000 u.a. mit dem Waldorflehrplan, erweitert um die Methodik und Didaktik der anthroposophischen Heilpädagogik. In dieser Schule von „besonderer pädagogischer Bedeutung“ sollten „Seelenpflegebedürftige Kinder und Jugendliche“ mit den Förderbedarfen Emotionale und Soziale Entwicklung, Lernen, Geistige- und Motorische Entwicklung, ferner mit Körperbehinderung gemeinsam unterrichtet werden. Bereits der Gründungsantrag plante die Klassen 1 bis 12. Zum Konzept gehörte verlässlicher Ganztagsunterricht.

Früh stand ebenfalls der Name fest. Als Namenspatronin wurde Ita Wegman, die Ärztin und enge Begleiterin R. Steiners gewählt. Sie hatte mit ihm zusammen ab etwa 1920 maßgeblich die anthroposophische Medizin und Heilpädagogik entwickelt.

Eine Sozialarbeiterin war erste Angestellte des Trägervereins. Sie übernahm vor allem die Elternberatung. Stolz berichtete A. Holste in einem Sommer- Interview, der Träger- und Förderverein würde bereits als „ICE – Initiative“ bezeichnet. Diese enormen Anstrengungen waren schließlich erfolgreich. Ziemlich genau sechs Monate und drei Wochen nach der Antragstellung wurde die Ita Wegman Schule am 29. September 2000 (dem Tag des Erzengels Michael) offiziell genehmigt. Ulf Stampa, Sonderschulrektor a.D., konnte als Schulleiter gewonnen werden. Zur Um- oder Einschulungsfeier in zwei Klassen erschienen am 04. Oktober 19 Schüler im Alter zwischen 6 und 13 Jahren in Begleitung ihrer Eltern. Viele von ihnen sollten bis zum erfolgreichen Schulabschluss am Ende der 12. Klasse an der IWS bleiben.

Tilman Caspers, der zweite Schulleiter, fasste 2010 die Entwicklung der nächsten Zeit rückblickend zusammen: „Es folgten drei finanziell entbehrungsreiche Jahre, nur vom Idealismus des Kollegiums bewundernswert getragen. Im Mittelpunkt standen nicht Finanzen, sondern die Kinder.“ Jährlich wurde eine neue Klasse eingeschult und gleichzeitig wuchs auch das Kollegium. Im September 2001 unterrichteten vier Lehrer sowie mehrere Teilzeitkräfte 32 Schüler in drei jahrgangsübergreifenden Klassen. Ab 2005 wurde das etwa 10 Gehminuten entfernte Gelände für den Gartenbau erschlossen. Eine Ärztin kam regelmäßig zu Besuch. Das gemeinsame Mittagessen jeder Klasse entwickelte sich zum meist geliebten Ritual.

Ein Kollegiumsfoto von 2006 zeigt bereits 34 Personen, zu denen auch die Verwaltung und der Hausmeister zählten. Zur täglichen Busabfahrt strömten im Foyer weiterhin alle Klassen zusammen. Dann wurde es merklich beengt im ehemaligen Ärztezentrum. Das ehemalige Internatsgebäude der FWS, direkt hinter dem mit alten Bäumen bewachsenen Hof der IWS, wurde wiederum nicht allein von Handwerkern und Ingenieuren, sondern auch mit großen Eigenleistungen von Eltern und Kollegen in etwa zwei Jahren zum Schulgebäude umgestaltet. Wände und Flure wichen, Altes wurde durchbrochen oder anderswie verändert. Es galt, dem Bau der 1930er Jahre auch ein moderneres, offenes Erscheinungsbild zu vermitteln. Hier soll freiheitlich gelernt und unterrichtet werden! Um die strenge historische Fassadenführung aufzuweichen entstanden neue lichtdurchflutete Umgänge. Alle 12 Klassenräume erhielten einen benachbarten Gruppenraum. Das Farbkonzept folgte durch alle Klassen dem Regenbogen. Endlich war etwas Platz für Fach- und Werkräume. Vor allem die Fachbereiche Eurythmie und Sport mussten sich jedoch weiter mit vorläufigen oder improvisierten Raumangeboten begnügen. Der große Festsaal entstand. Hier sollten fortan Klassenspiele, schulische Feste und andere Veranstaltungen ihren harmonischen Aufführungsort finden. Bewusst am Jahrestag der Schulgründung, an Michaeli 2006, wurde feierlich der Grundstein gelegt. Genau ein Jahr später folgte vom 27.09 bis 29.09.2007 die dreitägige Einweihungsfeier des neuen Schulgebäudes. T. Caspers beschrieb in seiner Festansprache, dass die Ita Wegman Schule nun ihrem ersten Jahrsiebt mit manchen Kinderkrankheiten entwachsen sei. Für das zweite Jahrsiebt stünden jetzt Räumlichkeiten zur Verfügung, um sie passend nach den Bedürfnissen der Schule weiter zu gestalten. Als Schülervertreter betonte Vincent „Jetzt ist es hier hell, weit und freundlich…Nun ist es unsere neue Schule! Und wir sind stolz auf sie… Ich bin heilfroh, dass aus diesem Gebäude mit seiner dunklen Vergangenheit jetzt eine Schule geworden ist, die dem Leben und der Freiheit dient.“

Das dritte Jahrsiebt der IWS entwickelt sich zu einer Phase des Wachstums, der Konsolidierungen und der Orientierung in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. Dabei half maßgeblich Ingo Nündel, der dritte Schulleiter der IWS. Bei ihm treffen u.a. Anfragen für die Aufnahme von immer mehr Schülern aus vier Landkreisen ein. Die meisten mussten bereits gravierende schulische Misserfolge erleben. Viele von ihnen benötigen für die tägliche Anreise über eine Stunde Fahrzeit. Momentan werden 16 Klassen gleichzeitig in beiden Schulgebäuden unterrichtet! Es sollen deshalb jedoch nicht jährlich Parallelklassen gebildet werden. Im neu gestalteten ‚Werkgebäude‘ konnten endlich Werkstätten schülergerecht und mit Sicherheitskonzepten ausgestattet eingerichtet werden.

Als Folge gesellschaftlicher Wandel finden auffallend viele Schüler mit emotionalen und sozialen Förderbedarfen an die IWS. Die pädagogischen Konsequenzen daraus werden in der Pädagogischen Konferenz, in der Schulführung und im Elternrat teils kontrovers diskutiert. Auffällig ziehen allerdings einzelne Lehrerpersönlichkeiten und Klassenteams Schüler mit mehr dem einen oder dem anderen Förderbedarf an. Klassen mit überdurchschnittlich vielen Schülern des Förderbedarfes ‚Geistige Entwicklung‘ erwarben bereits ihre Schulabschlüsse. Aktuell wird eine ganze Klasse nach diesem Curriculum unterrichtet. Natürlich werden die vielen an jedem Schuljahresende abgelegten Haupt- und Realschulabschlüsse genauso freudig und stolz gewürdigt.

Das Kollegium zählte 2020 inkl. Verwaltung, Hausmeister und Küchenpersonal bereits 58 Mitglieder. Dieser hohe Personalschlüssel erklärt sich durch die Teams aus Klassenlehrern und Pädagogischen Mitarbeitern, die in beinahe allen Klassen unterrichten. Neue Formen der Konferenzarbeit müssen deshalb erprobt werden. Nur langsam ändert sich allerdings der Geschlechterproporz im Kollegium. Unterricht auch an heilpädagogischen Schulen bleibt weiterhin überwiegend eine Aufgabe von Frauen.

Längst lernen nicht mehr in allen Klassen, wie ursprünglich geplant, 12 Schüler mit drei Förderbedarfen. In Übbändern der Oberstufe werden klassenübergreifend gestaffelte Schülergruppen unterrichtet. Nur schwer in Klassengemeinschaften zu integrierende Schüler aller Stufen finden inzwischen in der „Inselklasse“ phasenweise einen Schutzraum. Die Unterrichtszeiten, Unterrichtsmethoden und Rituale aller Stufen passen sich dem veränderten gesellschaftlichen Rahmen an. Der Schularzt übernimmt neben seinen Beobachtungen von Kindern mehrmals im Jahr medizinisch anthroposophische Fortbildungen mit dem Kollegium.

Bekannt über die Schulgemeinschaft hinaus wurde die IWS durch Aufführungen hervorragender Klassenspiele, besondere kunstvolle Darbietungen und durch abwechslungsreiche Schulfeste. Vor allem musische und andere kreative Angebote werden von Außenstehenden gerne hervorgehoben. Stark trägt die Elternschaft dazu bei, dass nicht nur während der Festlichkeiten Gemeinschaft bildende Impulse gelebt werden. Betont wird von vielen Eltern und Betreuern ein empathischer Umgang der Kollegen mit unseren „Besonderen Schülern“. Jedem wird möglichst individuelle Aufmerksamkeit, Verständnis und Förderung geschenkt. Deshalb übt sich das Kollegium immer wieder neu als Erziehungskünstler, nicht als Erziehungstechniker.

Th. Peek

20 Jahre Ita Wegman Schule

Ita Wegman Schule e.V.